Vier Jahre Krieg in der Ukraine

Schwere physische Verletzungen können psychische Folgen haben. Foto: Roman Baluk , 29.08.24, Lviv
Vier Jahre nach Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine richtet sich der Blick nicht nur auf zerstörte Städte, sondern auch auf die Menschen, die seitdem mit enormen psychischen Belastungen leben müssen – und auf diejenigen, die sie professionell unterstützen. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir heute einen Artikel von Hannah Grumpe, entstanden im Rahmen ihrer Masterarbeit im Fach Psychologie an der Universität Würzburg.

Sie hat ein Projekt begleitet, das ukrainische Psychotherapeut:innen in der traumatherapeutischen Methode EMDR schult. Diese Weiterbildung soll Fachkräfte dabei unterstützen, Menschen in akuten Belastungssituationen besser zu begleiten.

EMDR-Schulung im Spannungsfeld von Krieg und Therapiealltag

Andrij (Name verändert) ist Psychotherapeut in der Ukraine. Er begleitet Menschen, deren Alltag durch den Krieg tief erschüttert wurde: Angehörige, die einen nahestehenden Menschen verloren haben, Soldaten, die nach belastenden Einsätzen nicht mehr zur Ruhe kommen, Patient*innen mit schweren Verletzungen und viele, die seit Monaten mit ständiger Anspannung leben. Andrij unterstützt sie, ordnet Symptome ein, stärkt Ressourcen und versucht, wieder ein Stück Stabilität herzustellen. Doch er selbst lebt denselben Ausnahmezustand: derselbe Krieg, dieselbe ständige Alarmbereitschaft. Auch er ist jeden Tag mit dem Krieg  konfrontiert. Was ihn trägt, ist weniger ein „Müssen“ als eine starke innere Motivation: für Mitmenschen da zu sein und in einer  Ausnahmesituation konkret helfen zu können.

Dass psychologische Unterstützung in der Ukraine dringend gebraucht wird, ist gut dokumentiert. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt einen deutlich gestiegenen Bedarf an psychischer und psychosozialer Hilfe sowie an traumabezogener Versorgung bei gleichzeitig enormem Druck auf das Gesundheitssystem¹. In einer solchen Lage werden Verfahren und Konzepte wichtig, die wirksam sind und gleichzeitig helfen können, Behandlungsangebote langfristig auszubauen. Es zählt jede Maßnahme, die Menschen schneller entlasten kann und Fachkräfte nachhaltig stärkt.

Foto: Anastasia Schmid, 18.06.2025

Genau hier setzt ein Projekt an, das durch die offizielle Städtepartnerschaft zwischen Würzburg und Lwiw (seit 2023)² entstanden ist und das durch engagierte Partner in Deutschland ermöglicht wurde. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit konnten ukrainische Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen nach Deutschland kommen, um in einem bewährten  traumatherapeutischen Verfahren geschult zu werden: EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing).

EMDR ist ein strukturiertes Verfahren, das dabei unterstützen kann, sehr belastende Erinnerungen so zu verarbeiten, dass sie ihren überwältigenden „Alarmcharakter“ verlieren. Internationale Leitlinien und Fachinstitutionen führen EMDR als wirksame Behandlungsoption bei posttraumatischem Stress (APA)³.

Die Schulung wurde in Würzburg gemeinsam mit Mitglieder*innen des Lions Clubs Würzburg Löwenbrücke, der ukrainischen Lions Foundation in Kiew sowie dem ITP Institut für Trauma- und Psychotherapie Würzburg umgesetzt. Zwei Gruppen à 15 ukrainische Teilnehmende kamen nach Würzburg, außerdem nahmen sechs deutsche Therapeut*innen teil. Finanziell unterstützt wurde die Schulung von der Hilfsorganisation DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe, die seit 2023 mit Mitteln des Bündnis Entwicklung Hilft (BEH) Rehabilitations-Projekte in der Ukraine finanziert. Die Schulung wurde von Dr.  Marion Schowalter, Leiterin des Instituts für Trauma- und Psychotherapie, sowie der Trauma-Ambulanz der Uniklinik Würzburg und selbst renommierte Lehrtherapeutin für EMDR, geleitet und dauerte sieben Tage.

Im Anschluss folgte eine sechsmonatige Online-Supervision mit dem Ziel der Zertifizierung – also die Begleitung bei den ersten Schritten in der praktischen Anwendung.

Organisiert wurden die Trainings als „Multiplikator*innen-Schulungen“: Das Ziel ist nicht nur, einzelne Behandler*innen zu qualifizieren, sondern langfristig auch Menschen auszubilden, die ihr Wissen in der Ukraine weitergeben können⁴.

Foto: Anastasia Schmid, 18.06.2025

2025 fand die Schulung bereits zum zweiten Mal statt. Dieses Mal wurde das Projekt im Rahmen einer Masterarbeit in Psychologie an der Universität Würzburg begleitet. Ziel dieser Masterarbeit ist es, den Prozess systematisch zu dokumentieren und neue Erkenntnisse für den Bereich der Traumatherapie in Kriegsgebieten zu erhalten. Dazu werden einige Fragen gestellt und Antworten dazu gesucht: Wie wird die Schulung erlebt? Welche Rahmenbedingungen unterstützen den Transfer in die Praxis? Und wie lassen sich solche Programme künftig weiter verbessern? Besonders im Blick ist die Traumaarbeit in Kriegsgebieten, Belastungen von Helfenden und kulturelle Unterschiede in der Versorgung.

Dazu wurden sowohl standardisierte als auch selbst entwickelte Fragebögen eingesetzt. Um die Ergebnisse besser einordnen zu können, wurden vergleichbare Daten auch bei einer deutschen Vergleichsgruppe erhoben (Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen aus deutschen psychiatrischen Einrichtungen). Damit wird überprüft, wie hoch die Belastung von  Therapeut*innen in Kriegsgebieten ist, im Vergleich zu Therapeut*innen, welche in einer deutschen Klinik arbeiten.

Die ersten Auswertungen während der Schulungsphase deuten auf ein klares Bild hin: Die ukrainischen Therapeut*innen berichten über erheblich stärkere psychische Belastungen als eine deutsche Vergleichsgruppe. Besonders auffällig sind Anzeichen von depressiver Symptomatik sowie Beschwerden, die typisch nach extremen Belastungen auftreten können – vor allem aufdrängende Erinnerungen (Intrusionen) und Übererregung (Hyperarousal). Dieses Muster passt zu dem, was in der Forschung als „geteilte traumatische Realität“ beschrieben wird: Helfende begleiten Menschen in schweren Krisen, während sie selbst in derselben Realität leben⁵.

Gleichzeitig fällt das Feedback zur Schulung sehr positiv aus: Sowohl ukrainische als auch deutsche Teilnehmende bewerteten die Qualität der Fortbildung nahe an der Bestnote, und auch die subjektive Einschätzung, das Gelernte in den Arbeitsalltag übertragen zu können, ist insgesamt sehr hoch. Gerade in einem Versorgungssystem, das dauerhaft unter Druck steht, sind solche Bausteine entscheidend: Sie stärken Fachkräfte, erhöhen Behandlungskapazitäten und ermöglichen nachhaltigen Wissenstransfer. Langfristig ist das Ziel, einzelne Teilnehmende zu zukünftigen Ausbilder*innen weiterzuentwickeln, damit EMDR in der Ukraine breiter verfügbar wird – dort, wo psychotherapeutische Versorgung besonders dringend gebraucht wird.

Das Projekt vermittelt nicht nur eine Methode, es baut auch eine Brücke zwischen Ländern, Berufsgruppen und Erfahrungen. Wissenschaftlich gesehen ist die Begleitung durch die Masterarbeit ein erster Schritt: Sie bietet die Grundlage für viel mehr Forschung in einem immer wichtiger werdenden gesundheitlichen Bereich für die aktuelle politischen Situation weltweit. Außerdem kann sie helfen, solche Programme zu verbessern, Hürden sichtbar zu machen und zukünftig besser auf Krisensituationen vorbereitet zu sein.


¹ (WHO, 2025)
² (Stadt Wuerzburg, o. J.)
³ (APA, 2025)
⁴ (Hilfswerk Würzburger Lions e.V., o. J.)
⁵ (Freedman & Mashiach, 2018)

Empfehlungen zum Weiterlesen bezüglich des Ukraine-Projekts:

https://dahw.de/projekt/ausbildung-in-akut-trauma-therapie/

Literaturverzeichnis

APA. (2025, Juni 26). What is EMDR therapy and why is it used to treat PTSD? American Psychological Association. https://www.apa.org/topics/psychotherapy/emdr-therapyptsd

Freedman, S. A., & Mashiach, R. T. (2018). Shared trauma reality in war: Mental health therapists’ experience. PLOS ONE, 13(2), e0191949. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0191949

Hilfswerk Würzburger Lions e.V. (o. J.). Lions Trauma Aid – Hilfswerk Wuerzburger Lions
[Hilfswerk Würzburger Lions e.V.]. Abgerufen 23. Januar 2026, von https://lions4wue.de/lions-trauma-aid/

Stadt Wuerzburg. (o. J.). Würzburg International—Lviv. Abgerufen 21. Januar 2026, von https://www.wuerzburg.de/rathaus/internationale-angelegenheiten/wuerzburginternational/partnerstdte/lviv

WHO. (2025, Februar 24). Three years of war: Rising demand for mental health support, trauma care and rehabilitation. World Health Organization. https://www.who.int/europe/news/item/24-02-2025-three-years-of-war-rising-demandfor-mental-health-support-trauma-care-and-rehabilitation

Alle Bilder gehören urheberrechtlich Frau Anastasia Schmid von ANA SMITH – Fotografie & Mediendesign Würzburg.


Dieser Artikel wurde im Rahmen einer Masterarbeit im Fach Psychologie an der Universität Würzburg verfasst. Die Autorin, Hannah Grumpe, begleitete das EMDR‑Projekt wissenschaftlich und dokumentierte dessen Beitrag zur psychologischen Versorgung in der Ukraine. Wir bedanken uns herzlich für die fundierte Analyse und die enge Zusammenarbeit.

Gemeinsam können wir Ausgrenzung überwinden und Gesundheit für alle möglich machen.

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20.12.2024