19.01.2026

Welt-Lepra-Tag: Den Fußball konnte ihm die Krankheit nicht nehmen: Wie Serigne aus dem Senegal die Lepra besiegte

Fußball ist sein Leben: Dass Serigne Ndiaye seiner Leidenschaft bis heute nachgehen kann, verdankt der ehemalige Lepra-Patient nicht nur seinem unbedingten Willen zum Leben, sondern auch fähigen Mediziner:innen – und einem aufmerksamen Lehrer. Foto: Christian Männer / DAHW
Ein senegalesisches Kind steckt sich mit Lepra an, die Krankheit bleibt trotz erster Symptome jahrelang unbemerkt: Ein Fall, der wenig Hoffnung auf ein gutes Ende macht. Die Geschichte von Serigne Ndiaye jedoch zeigt: Es ist möglich, die Krankheit zu besiegen – mit koordinierter medizinischer Expertise und langfristiger Unterstützung der Betroffenen.

„Ich muss mich angesteckt haben, als ich noch ein kleiner Junge war. Als ich zehn Jahre alt war, bekam ich die ersten Flecken auf der Haut. Ich wusste nicht, was es war und habe einfach damit gelebt – sieben Jahre lang.“ So erzählt es Serigne Ndiaye, heute Mitte dreißig. Der Senegalese lebt in der Metropole Dakar, gibt Deutschkurse und verbringt seine Freizeit am liebsten mit seinen Freunden auf einem staubigen Fußballplatz mitten im Trubel der Millionenstadt. Dass er seiner Leidenschaft, dem Kicken, bis heute nachgehen kann, verdankt er nicht nur seinem unbedingten Willen zum Leben, sondern auch fähigen Mediziner:innen – und einem aufmerksamen Lehrer.

„Es gab einen Lehrer an meiner weiterführenden Schule, Monsieur Faucer“, erinnert sich Serigne. „Er sah meine Flecken und schickte mich zu einem Arzt. Der überwies mich prompt an ein Krankenhaus.“

Serigne hatte Glück, dass seine Krankheit erkannt wurde. Lepra schreitet zwar vergleichsweise langsam voran, aber in Serignes Fall hatten sich aus den zunächst harmlosen Hautflecken bereits erste – irreversible – Behinderungen entwickelt. Beim Fußballspiel fallen sie kaum auf, doch kniet Serigne sich hin, um sich den Schuh zu binden, sind die steifen und gekrümmten Finger an beiden Händen gut zu erkennen, ein typisches Symptom der Lepra.

Die Geschichte von Serigne Ndiaye aus dem Senegal zeigt: Es ist möglich, die Krankheit Lepra zu besiegen – mit koordinierter medizinischer Expertise und langfristiger Unterstützung der Betroffenen. Foto: Christian Männer / DAHW

Eine Lepra-Diagnose ist ein schwerer Schlag, auch in Senegal ist die Krankheit hochstigmatisiert. „An diesem Tag habe ich geweint“, sagt Serigne heute. Vielleicht war ihm bereits klar, dass sein langer Weg zur Heilung gerade erst begonnen hatte. Denn: Das Wissen über die Krankheit ist begrenzt, es gibt nicht viele Orte, an denen eine Behandlung möglich ist. Für Menschen, die von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, ist es noch einmal schwieriger, eine gute medizinische Versorgung zu erhalten. Und gleichzeitig sind es genau diese Menschen, die überproportional gefährdet sind, sich anzustecken.

„Ich ging in die Universitätsstadt Thiès, wo man meine Krankheit behandeln konnte“, berichtet Serigne. „Um vier Uhr morgens bin ich in Dakar losgelaufen und abends um 20 Uhr angekommen.“ Über 60 Kilometer, zu Fuß, ohne Geld. Sechs Monate verbrachte Serigne in der Klinik, die Kosten übernahm seine Schule. Als er entlassen wurde, unterstützte die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe ihn auf seinem Weg, bezahlte etwa den Schulbus und half ihm, seine Lebenshaltungskosten zu decken.

Doch auf Serigne warteten weitere Schicksalsschläge. „Als ich schließlich meinen Schulabschluss machte, verlor ich meinen Vater. Meine Mutter war psychisch krank und ich hatte weder die Mittel, sie behandeln zu lassen, noch, ihr aus der Armut zu helfen. Sie starb wenige Jahre später.“ Serigne beschreibt seine Mutter, Digob Ba, als seine größte Treibkraft. Sie wollte immer, dass er im Leben Erfolg hat, und alles, was er tat, tat er für sie – um ihr ein besseres Leben zu ermöglichen. „Sie hat bis zu ihrem letzten Atemzug gekämpft, und ich bin sehr stolz auf sie. Sie ist für immer in meinem Herzen. Ruhe in Frieden, Mama.“ Sein Lebensmut aber verließ den jungen Mann nie: „Ich versuche immer, mich zu beweisen. Immer!“

Serigne machte eine landwirtschaftliche Ausbildung und fand Arbeit auf einem Bauernhof. Das Geld, das er verdiente, reichte zum Leben. Nebenbei lernte er so gut Deutsch, dass er heute Kurse geben kann. „Eines Tages“, sagt er, „möchte ich einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb führen. Ich will ein eigenes Grundstück haben und anderen Menschen Arbeit geben können. Und ich möchte meine jüngere Schwester unterstützen.“ Sein Wunsch, anderen zu helfen, endet nicht bei der Familie. Serigne setzt sich aktiv für die Rechte von Betroffenen ein – als Vorstandsmitglied der senegalesischen Selbstvertretungsorganisation für Menschen, die von Lepra betroffen sind.

Serigne in seinem Element. Foto: Christian Männer / DAHW

Und natürlich will er weiterhin regelmäßig mit seinen Freunden Fußball spielen – auf dem staubigen Platz mitten in Dakar. Mit fest zugebundenen Schuhen, darin gesunde Füße, die den Ball in einer Spielpause minutenlang in der Luft jonglieren können. Bis das Match weitergeht, er lachend über den Platz läuft und sich mit seinen Mitspielern abklatscht. Die Lepra hat es nicht geschafft, Serigne das Fußballspielen zu nehmen – ebensowenig wie die Liebe zum Leben.

So wie Serigne vor vielen Jahren stecken sich bis heute Kinder und Jugendliche mit Lepra an – im Senegal, aber auch in vielen weiteren Ländern, vor allem in Afrika und Asien. Im Jahr 2024 wurden weltweit 9.397 Neuinfektionen bei Kindern registriert – das bedeutet, dass sich durchschnittlich mehr als 25 Kinder pro Tag neu mit Lepra infiziert haben. Eine rasche Diagnose und sofortige Behandlung kann Behinderungen verhindern und den Betroffenen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.

Gemeinsam können wir Ausgrenzung überwinden und Gesundheit für alle möglich machen.

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